Die Bedeutung Des Lesens Essay

Essay zum Thema Lesen mit Fokus auf den Autor Max Frisch

Essay zum Thema 'Lesen' mit Bezug zum Autor "Max Frisch"


Vorbemerkung: Diese Deutschklausur hat eine Bewertung von 14 Notenpunkten erhalten. Das bedeutet, es ist nicht perfekt und ist somit noch offen für Verbesserungen. Der sechste Abschnitt ist ein Textausschnitt von einem Text Max Frischs (näheres siehe unten).

Wenn ich ein Buch lese, und es nach einer halben Stunde offen auf den Tisch lege, bin ich oft nicht zufrieden. Mit der Art der Charaktere. Mit Ausdrücken, die der Autor verwendet. Mit der Handlung überhaupt. Dann stelle ich mir Fragen, wie zum Beispiel: Warum musste sie sterben? Ihre Schwester hätte es verdient! Aber damit muss man leben. Ein Buch wird es dem Leser nie recht machen können.

Wir kritisieren, bemängeln und vergleichen es mit einem uns besser scheinenden Roman, kauen jeden Fehler des Autors durch, bis wir jeden Satz zerlegt haben. Schließlich legen wir das Buch erleichtert beiseite und seufzen: "Das Nächste, bitte!". Natürlich hegen wir dabei die Hoffnung, beim nächsten Mal eine bessere Lektüre in die Hand zu bekommen. Hierbei muss jedoch kurz angemerkt werden, dass "besser" ein ziemlich relativer Begriff ist. Was ist anspruchsvoller? Was spricht mich mehr an? Interessiere ich mich eher für Dramen wie zum Beispiel "Antigone" oder greife ich doch lieber zu Rosamunde Pilchers "Die Muschelsucher"?

Meine Großmutter hat mir einmal erzählt, dass sie ein Buch gelesen habe, in dem stand: "Im Juli pflückte sie die saftigen, reifen Äpfel". Für diejenigen, die es nicht wissen: Äpfel sind im Herbst reif, nicht im Hochsommer. Das Einzige, was die Dame hätte ernten können, wären die schneeweißen Apfelblüten gewesen. Soviel zur Logik.
In beinahe allen Büchern gibt es Erstaunliches zu entdecken. Manchmal sind es nur unerhebliche Lappalien, manchmal können die Widersprüche den Leser aber auch irritieren, wie zum Beispiel die Tatsache, dass in Luca di Fulvios Roman, "Der Junge, der Träume schenkte", Sam, obwohl er sich zum fraglichen Zeitpunkt im Gefängnis befand, genau wusste, was Cetta, eine Prostituierte und seine Partnerin, tat. Diese Frage wurde nicht geklärt.

Trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - machen uns diese Bücher glücklich. Sie sind unvollkommen, weil sie Fehler beinhalten, und doch vollkommen, da sie immer eine persönliche Note tragen. Zumindest trifft dies auf die Belletristik zu.
Leidenschaft ist es, die uns diese Werke hinterfragen lässt.

Max Frisch:

Die hundert Dinge nämlich, die dem Verfasser nicht einfallen, warum fallen sie mir selber erst ein, wenn ich ihn lese? Noch da, wo wir uns am Widerspruch entzünden, sind wir offenbar die Empfangenden. Wir blühen aus eigenen Zweigen, aber aus der Erde eines andern. Jedenfalls sind wir glücklich. Wogegen ein Buch, das sich immerfort gescheiter erweist als der Leser, wenig Vergnügen macht und nie überzeugt, nie bereichert, auch wenn es hundertmal reicher ist als wir. Es mag vollendet sein, gewiss, aber es ist verstimmend. Es fehlt ihm die Gabe des Gebens. Es braucht uns nicht. Die anderen Bücher, die uns mit unseren eigenen Gedanken beschenken, sind mindestens die höflicheren; vielleicht auch die eigentlich wirksamen. Sie führen uns in den Wald, wo sich die Wege in Sträuchern und Beeren verlaufen, und wenn wir unsere Taschen gefüllt sehen, glauben wir durchaus, dass wir die Beeren selber gefunden haben. Oder haben wir nicht? Das Wirksame solcher Bücher aber besteht darin, dass kein Gedanke uns so ernsthaft überzeugen und so lebendig durchdringen kann wie jener, den uns niemand hat aussprechen müssen, den wir für den unseren halten, nur weil er nicht auf dem Papier steht-.

Natürlich gibt es noch andere Gründe, warum die vollendeten Bücher, die nur noch unsere Bewunderung zulassen, nicht jederzeit unsere liebsten sind. Wahrscheinlich kommt es darauf an, was wir im Augenblick dringender brauchen, Abschluss oder Aufbruch, Befriedigung oder Anregung. Das Bedürfnis wechselt wohl von Mensch zu Mensch, ebenso von Lebensalter zu Lebensalter, und auf eine Weise, die man gern ergründet sähe, hängt es jedenfalls auch mit dem Zeitalter zusammen. Mindestens ließe sich denken, dass ein spätes Geschlecht, wie wir es vermutlich sind, besonders der Skizze bedarf, damit es nicht in übernommenen Vollendungen, die keine eigene Geburt mehr bedeuten, erstarrt und erstirbt. Der Hang zum Skizzenhaften, der unsere Malerei schon lange beherrscht, zeigt sich auch im Schrifttum nicht zum erstenmal; die Vorliebe für das Fragment, die Auflösung überlieferter Einheiten, die schmerzliche oder neckische Betonung des Unvollendeten, das alles hatte schon die Romantik, der wir zum Teil so fremd, zum Teil so verwandt sind. Das Vollendete: nicht gemeint als Meisterschaft, sondern als Geschlossenheit einer Form. Es gibt, so genommen, eine meisterhafte Skizze und eine stümperhafte Vollendung, beispielsweise ein stümperhaftes Sonett. Die Skizze hat eine Richtung, aber kein Ende; die Skizze als Ausdruck eines Weltbildes, das[...]

Max Frisch: Beim Lesen. Aus: Tagebuch 1946-1949. In: gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Hrsg. v. Hans Mayer. Band 2: 1944-1949. Copyright Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1976. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.

[...]sich ständig verändert. Es wird erneuert, verbessert, geschliffen, erweitert - kurzum, es durchläuft einen unaufhaltsamen Wandel.
Und dadurch, dass wir immer und immer wieder neue Werke verfassen, erlebt jeder das magische Wort "Literatur" anders. Literatur wächst und gedeiht, sie wird vielfältig. Somit können dann auch Skizzen, die von meisterhafter Qualität zeugen, und erbärmlich schlechte Vollendungen entstehen.
Aber bemerken wir überhaupt, was "gut" und was "schlecht" ist? Wie gesagt: Alles, was wir bewerten, ist subjektiv, es lässt sich also nicht auf die Allgemeinheit übertragen.

Wir müssen lernen, zu lesen. Jawohl, Ihre Augen haben sich nicht getäuscht. Wir müssen lernen, aufmerksam den gedruckten Worten zu folgen, ihren Sinn zu erfassen, zu unterscheiden zwischen trivial und anspruchsvoll.
Wir müssen lernen, den Wortschatz des Autors zu überprüfen. Wie drückt er sich aus? Schreibt er lebendig, sodass man sich so richtig in die Charaktere hineinversetzen kann, oder ist der von ihm verfasste Text so dröge, dass man das Buch am liebsten zuklappen würde?

Sicher, alles ist individuell - oder sollte es zumindest sein -, doch muss jeder gewisse Ansprüche erfüllen können. Der Leser bewertet, der Schriftsteller liefert das Material. Öffnen Sie Ihre Augen für die Kunst des Lesens!
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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Lesen
2.1 Der Alphabet
2.2 Der Analphabet
2.3 Die Wirkung und Funktionen des Lesens

3. Die Sozialisation und Lesen
3.1 Die Sozialisationsphasen
3.2 Die Sozialisationsinstanzen
3.3 Die Lesesozialisation im historischen Wandel

4. Die Lesesozialisation in der Familie
4.1 Die Eltern als Vorbild
4.2 Die Förderung der Kinder
4.3 Die Interaktion zur Lektüre

5. Die Lesekompetenz
5.1 Die Lesekompetenz vs. Medienkompetenz
5.2 Die Lesekompetenz und Fernsehen
5.3 Die Lesekompetenz im PISA- Test

6. Das Leseverhalten
6.1 Die Beeinflussung des Leseverhaltens
6.2 Das Leseverhalten im Lebenslauf
6.3 Das Leseverhalten in der Adoleszenz

7. Die Harry-Potter-Bücher
7.1 Die Handlung der Harry-Potter-Bücher
7.2 Der Erfolg der Harry-Potter-Bücher
7.3 Die Identifikation mit Harry Potter

8. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lesen eröffnet uns Welten. Diese Welten liegen in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft. Sie sind real oder fiktiv. Es sind Welten von Persönlichkeiten, der Technik, der Umwelt oder des Alltags. Lesen eröffnet uns die eigentliche Welt und begleitet uns tagtäglich bei fast jeder Handlung. Lesen hilft, uns in der Welt zurechtzufinden.

Ich bin nach Australien gereist, ohne zu fliegen. Mit Christoph Columbus segelte ich nach Amerika, trotzdem war ich 1492 noch nicht auf der Welt. Die Schule habe ich mit Harry Potter besucht, obwohl es ihn gar nicht gibt. Den Aufbau des Otto- Motors habe ich gelernt, ohne jemals einen angefasst zu haben. Und die Ereignisse der ganzen Welt kommen täglich zu mir nach Hause, ich muss sie nur aus dem Briefkasten holen.

Lesen ist für einen Menschen das natürlichste auf der Welt. Man lernt es in der Schule und nutzt es täglich, ohne dass uns bewusst ist, dass grade das Lesen einen hohen Stellenwert für die eigene Persönlichkeitsentwicklung einnimmt. Das Lesen an sich, beginnt nicht erst in der Schule. Dies wurde mir erst so richtig bewusst, als ich Kleinkinder dabei beobachtete, wie sie auf Bilderbüchern „herumkauten“. Da dies vermutlich der frühste Kontakt mit Büchern darstellt, scheint es die erste Form des Lesens zu sein. Kinder erforschen am Anfang ihrer Entwicklung alles mit den Händen und dem Mund. Als nächstes folgte das gemeinsame Anschauen der Bilderbücher den Eltern. Es machte mir bewusst, wie früh Kinder bereits an Bücher herangeführt werden können und man somit versuchen kann, eine positive Einstellung zum späteren Lesen zu vermitteln.

Während der Recherche zu meiner Hausarbeit und eigenen Überlegungen zu dem heutigen Leseverhalten, ergaben sich für mich mehrere Fragen. Zum einen möchte ich die Bedeutung des Lesens analysieren. Zum anderen bewegt mich die Vermutung, dass das Lesen von den neuen Medien, wie beispielsweise dem Fernsehen verdrängt wird. Oder ist es möglich, dass die Nutzung neuer Medien zwar ansteigt, jedoch der Rückgang des Lesens dabei nicht beeinflusst wird? Ist diese Vermutung möglicherweise ein Trugschluss und das Lesen stellt immer noch eine der wichtigsten Mediennutzungsmöglichkeiten dar? Da das Leseverhalten in direkter Abhängigkeit mit den Sozialisations­möglichkeiten von Lektüre steht, ist eine gemeinsame Überlegung unumgänglich. Somit baut sich diese Hausarbeit wie folgt auf:

Die Welt der Bücher kann man sich mit einem zweiflügligen Eingangstor vorstellen. Zunächst werde ich auf die Grundlagen des Lesens eingehen. Sie sollen das Fundament des Tores darstellen. Der eine Torflügel stellt die Phase des Zeitraums vor dem eigenen Lesen dar. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Einflussmöglichkeiten der Eltern durch die Lesesozialisation von Kindern und Jugendlichen auf das spätere Leseverhalten. Die Lesesozialisation in der Schule beginnt nicht mit dem eigentlichen Lesenlernen, sondern ab dem 5. Schuljahr. Somit besteht der zweite Torflügel aus dieser Phase, wobei ich die Lesekompetenz als Teilbereich der Lesesozialisation in den Mittelpunkt stellen werde. Die Torflügel zusammen ermöglichen den erfolgreichen Zugang zu der Welt der Bücher. Das Leseverhalten jedes Einzelnen entscheidet darüber, wie weit das Tor geöffnet wird. Das Tor ist weit geöffnet bei den Viellesern. Die Wenigleser lassen nur einen Spalt offen. Die Personen die sich vom Lesen abgewendet haben, lassen das Tor angelehnt. Sie können jederzeit die Tür wieder aufstoßen, wenn sie ihre Leseintensität wieder erhöhen möchten. Für die Analphabeten bleibt das Tor verschlossen.

Je nachdem, ob Kinder und Jugendliche mehr oder weniger erfolgreich von ihren Eltern für das Lesen motiviert wurden und in der Schule eine Lesekompetenz entwickeln konnten, werden sie dies im Alltag anwenden. Die möglichen Einflüsse anderer Medien und Freizeitmöglichkeiten auf das Leseverhalten versuche ich anhand mehrerer Studien zu ermitteln. In der Welt der Bücher findet man beispielsweise die Bücher über Harry Potter. Sie sind Beispiele für das erfolgreiche Eintreten in die Bücherwelt von Leseabstinenzlern und Weniglesern, die das angelehnte Tor wieder weit geöffnet haben.

Auf die Lesesozialisation der Schule im Einzelnen sowie der anderen Erziehungs- bzw. Bildungseinrichtungen werde ich hier nicht weiter eingehen, da mir hierzu kaum Literatur zur Verfügung stand. Zu diesem Aspekt fehlen weitgehend Fachbücher, die besonders die Lesesozialisation in der Schule ansprechen.

Die mögliche Lesesozialisation und Beeinflussung des Leseverhaltens durch die Gleichaltrigen wäre mit Gewissheit ein weiterer sehr interessanter Aspekt gewesen, kann hier aber nur am Rande erwähnt werden. Gleichzeitig möchte ich nicht auf Unterschiede des Leseverhaltens im Ost- West-Vergleich eingehen, da ich es 16 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands für nicht mehr angebracht halte.

Als bedeutende Autoren zur Lesesozialisation und Lesekompetenz sind Bettina Hurrelmann und Norbert Groeben zu nennen. Sie lehren an der Universität zu Köln. Bettina Hurrelmann hat sich auf Kinder- und Literaturforschung, Lese- und Medienforschung und Literaturdidaktik spezialisiert. Norbert Groeben befasst sich mit den Schwerpunkten Medien-, Sprach- und Denkpsychologie. Sein Spezialgebiet ist die Lesepsychologie. Er hat zahlreiche Bücher mit Bettina Hurrelmann zu den Themen Lesesozialisation, Medien- bzw. Lesekompetenz herausgegeben. Im Laufe der Arbeit werde ich vorzugsweise auf die Veröffentlichungen dieser beiden Autoren zurückgreifen. Bereits über einen längeren Zeitraum hat mich ihre Art und Weise der Auseinandersetzung mit diesen Themen beschäftigt und nachhaltig beeinflusst.

2. Das Lesen

Das Lesen ist „… das verstehende Aufnehmen von schriftlich fixierten Sprachfügungen, somit die auf Grund der erworbenen Kenntnis der Schriftzeichen vollzogene Tätigkeit des Sinnerfassens graphisch niedergelegter Gedankengänge“ (Weber, Albrecht 1993, S.11). Diese Definition von dem Sprachpsychologen Friedrich Kainz definiert das Lesen. Damit beschreibt er jedoch nur einen wichtigen Bereich des Lesens. Es ist das Erfassen und Entnehmen von Sinn. Doch dies reicht für die Beschreibung des Lesens nicht aus. Zwischen dem Leser und dem Lesestoff findet ein Zwiegespräch statt, welches ein Nehmen und Geben beinhaltet. Der Leser gibt Aufnahmebereitschaft, Ausdauer sowie Geduld und erhält gleichzeitig den Inhalt des Lesestoffes (vgl. Bamberger, Richard 1971, S. 3ff).

Der Mensch wird durch das Lesen auf seine Fähigkeiten zum Denken, Fühlen und Wollen verwiesen. Er nimmt die Wörter in Gruppen, in Sinneinheiten auf, erfasst sie und verknüpft sie, verbindet das Empfangene mit dem, was in ihm selbst ruht, zu einer neuen Ganzheit (Bamberger, Richard 1971, S. 4).

Die neu gewonnenen Inhalte werden mit dem bereits bekannten Wissen verbunden und im Geiste weiterverarbeitet. Somit ist Lesen auch ein Denkprozess. Weiterhin beinhaltet das Lesen eine geistige Reaktion, da es die Denk- und Urteilsfähigkeit des Lesers fördert. Der Leser bildet zu dem Gelesenen eine eigene Meinung. Wesentliche Fähigkeiten, insbesondere die Denk- und Kritikfähigkeit werden beim Lesen ausgebildet, wodurch Lesen auch zu einem Bildungsprozess wird. Zusätzlich ist das Lesen die Grundlage für die weitere Bildungsarbeit in jeglicher Form (vgl. Bamberger, Richard 1971, S. 3-9).

2.1 Der Alphabet

Der Alphabet lernte in der Schule lesen. Dies wird in der Schule durch das „Zwei-Wege-Modell“ realisiert. Dieses Modell beinhaltet zwei Leselernverfahren, die miteinander kombiniert werden. Das synthetisierende Verfahren beschreibt den Leselernprozess vom Buchstaben zum Wort. Das Kind lernt, dass man einzelne Buchstaben zu einem Wort zusammenfügen kann. Auf dem umgekehrten Weg verläuft das ganzheitlich- analytische Verfahren. Das Kind erfasst das ganze Wort und muss es nur bei Unstimmigkeiten in einzelne Buchstaben aufschlüsseln (vgl. Wespel, Manfred 1998, S.7-28).

Das Lesenlernen ist ein Prozess, der in einer langen Zeitspanne die Lesefähigkeit des Kindes vergrößert. Die Lesefähigkeit kann in fünf Stufen gegliedert werden. Die unterste Stufe beinhaltet die Nachahmung von Lesen und Schreiben. Sie fangen an, eigene Kritzeleien auf Papier zu verewigen. Geschichten aus dem Bilderbuch, die ihnen die Eltern vorgelesen haben, können sie selbständig erzählen und spielen dabei die Vorlesesituation nach. Die nächste Stufe ist das Erkennen einzelner Buchstaben und Wörter. Nun sind sie in der Lage, Buchstaben im Alltag wieder zuerkennen und einzelne Wörter, insbesondere Namen nachzuschreiben. Die dritte Stufe ist das Erkennen und Nutzen der Buchstaben als Laut-Zeichen. In dieser Stufe entdeckt das Kind das Grundprinzip unserer Schrift. Die Buchstaben sind das Abbild der Laute unserer Sprache. Dies bedeutet, dass die Kinder, die Laute aufgrund des Schreibens verewigen können und umgedreht, die geschriebenen Buchstaben wieder in Laute verwandeln können. Das Erkennen und Nutzen von Schriftmustern ist die Vorstufe der vollständig ausgebildeten Lesefähigkeit, also des automatisierten Lesens und Schreibens. Kinder können nun die bereits erworbenen Fähigkeiten des Lesens, insbesondere die grammatischen Regeln, automatisch einsetzten und nutzen (vgl. ebd.).

Der Leser als Alphabet wurde durch den Leselernprozess aus der Unwissenheit herausgeholt und besitzt nun die Möglichkeit, an der Gesellschaft teilzuhaben. Durch seine Lesefähigkeit kann er selbständig Kenntnisse erwerben, Erfahrungen machen sowie Einsichten gewinnen, die ihm vorher nur durch zuhören und sehen erreicht haben (vgl. Baumgärtner, Alfred Clemens 1974, S. 134).

Es gibt zahlreiche Versuche, die Leser in Typologien einzuteilen. Giehrl gliederte die Leser in vier Typen. Zum einen gibt es die funktional-pragmatischen Leser. Dies entspricht einem Grossteil der Leser. Ihnen dient das Lesen als Werkzeug, um sich Informationen zu beschaffen. Der emotional-phantastische Leser ist ebenfalls weit verbreitet. Im Mittelpunkt des Lesens stehen die Gefühle, die der Lesestoff auslösen kann. Er bietet Wunschvorstellungen, Illusionen und Stimmungen. Weniger häufig gibt es die rational-intellektuellen Leser. Sie beschäftigen sich meist mit wissenschaftlichen und philosophischen Schriften, Essays, Dramen und Lyrik. Für den literarischen Leser zentriert sich das Lesen auf die Dichtung und somit auf die Sprache als Kunst (vgl. ebd., S. 217ff).

2.2 Der Analphabet

Das Wort „Analphabet“ beinhaltet als ursprüngliche Bedeutung das Nichterkennen von Buchstaben. Heute ist diese Wortbedeutung nicht mehr aktuell, da sich mehrere Formen von Analphabetismus unterscheiden lassen. Die totalen Analphabeten, die der ursprünglichen Bedeutung nahe kommen, sind in der heutigen Gesellschaft kaum noch zu finden. In diesen Fällen tritt der totale Analphabetismus aufgrund einer Behinderung auf, da sie keine Schriftsprachkenntnisse erwerben können. Aber auch Ausländerinnen und Ausländer, die nach Deutschland eingewandert sind und in ihrer Heimat keine Schule besuchen konnten, zählen zu dieser kleinen Personengruppe. Dies wird auch primärer Analphabetismus genannt (vgl. Döbert, Marion; Hubertus, Peter 2000, S. 16-23).

Die Personen, die die Schule besucht, die Schulpflicht erfüllt haben und trotzdem kaum lesen und schreiben können, bezeichnet man als funktionale Analphabeten. In der Definition für den funktionalen Alphabet von der UNESCO wird deutlich, was im Umkehrschluss unter dem funktionalen Analphabet verstanden werden kann. „Funktionaler Alphabet ist eine Person, die sich an all den zielgerichteten Aktivitäten ihrer Gruppe und Gemeinschaft, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich sind, und ebenso an der weiteren Nutzung dieser Kulturtechniken für ihre Gemeinschaft beteiligen kann“ (Döbert, Marion; Hubertus, Peter 2000, S. 18). Somit ist der funktionale Analphabet nicht in der Gesellschaft integriert und kann die fehlenden Fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens nicht für die Gesellschaft nutzbringend anwenden. Der Sekundäre Analphabetismus liegt vor, wenn nach dem Erwerb der Schriftsprache, diese in späteren Jahren wieder verlernt wird. Damit stellt der sekundäre Analphabetismus einen Sonderfall des funktionalen Analphabetismus dar (vgl. ebd., S. 16-23).

Die Verbreitung des Analphabetismus ist schwer zu ermitteln, da die Dunkelziffer nur geschätzt werden kann. Der Bundesverband Alphabetisierung e. V. geht aufgrund von bundesstatistischen Daten vom 31.12.1998 von 6,3 Prozent funktionalen Analphabeten in Deutschland aus. Dies entspricht vier Millionen deutschen Bürgern die über unzureichende schriftsprachliche Fähigkeiten verfügen (vgl. ebd., S. 29).

Die Ursachen für den funktionalen Analphabetismus sind vielschichtig. In der Öffentlichkeit herrscht eine mangelnde Einschätzung für die Bedeutung des Lesens und Schreibens. Einher geht damit die mangelnde Förderung des Lesens (vgl. Binder, Lucia 1993, S. 30). Des Weiteren sind die häufigsten Ursachen jedoch im Elternhaus der Analphabeten zu finden. Meist werden sie mit Vernachlässigung, Gleichgültigkeit, Ablehnung und psychischen Belastungssituationen durch Konflikte der Eltern konfrontiert. In den Familien herrscht häufig eine geringe ökonomische Sicherheit und die Schrift spielt eine untergeordnete Rolle. Weiterhin sind die Kinder und Jugendlichen den psychischen Belastungen der Schule, aufgrund von Aussonderung und Angst bei Leistungsdruck ausgesetzt (vgl. ebd.).

In der Adoleszenz und dem Erwachsenenalter hat dies zur Folge, dass das alltägliche Leben Erschwernisse aufweist. Das Ausfüllen von Formularen, Amtsbesuche und sogar das Einkaufen ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Analphabeten sind auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt stark benachteiligt und sind oft gesellschaftliche Außenseiter. Sie entwickeln grenzenlose Möglichkeiten um die fehlenden Fähigkeiten bezüglich des Lesens und Schreibens zu verheimlichen. Gleichzeitig leben sie in ständiger Angst, vor der Entdeckung in der Familie, im Freundeskreis und während der Arbeit (vgl. Döbert, Marion; Hubertus, Peter 2000, S. 52).

Ich bin der Ansicht, dass diese Grundlagen über das Lesen unverzichtbar sind bei den weiteren Überlegungen hinsichtlich der Bedeutung des Lesens und der Sozialisation. An dieser Stelle muss man berücksichtigen, dass die Sozialisation zum Lesen eine Voraussetzung für den Erwerb der Lesefähigkeit darstellt. Und die Lesefähigkeit ist wiederum die Voraussetzung für den Erwerb der Lesekompetenz und hat eine direkte Wirkung auf das Leseverhalten. Im ungünstigsten Fall entwickelt sich aus dem Kind ein Analphabet, dem die Welt der Bücher verschlossen bleibt.

2.3 Die Wirkung und Funktionen des Lesens

Lesen prägt die Persönlichkeit eines Menschen. Vergleicht man die Beschreibungen des Nichtlesers und Lesers in der theoretischen und historischen Literatur, so ergeben sich wesentliche Unterschiede der Persönlichkeitsmerkmale die ihnen zugeschrieben werden. Der Leser gilt als aufgeschlossener, weltoffener, in allen Bereichen aktiver und geistig flexibler (vgl. Saxer, Ulrich 1994, S. 171). Im Gegensatz zu den Nichtlesern, haben sie vielfältigere Hobbys, wie basteln, Sport treiben und Freunde treffen. Sie haben insgesamt mehr soziale Kontakte. Für Kino, Theater, Kunstausstellungen und Musik interessieren sich Leser überdurchschnittlich. Sie sind politisch engagierter, haben ein höheres Unabhängigkeitsbedürfnis und können ihre Interessen sowie Bedürfnisse aktiv wahrnehmen, da sie die Fähigkeiten zum rationalen Problemlösen anwenden können. Ihr Handeln ist durch Toleranz und Selbst- sowie Fremdverantwortlichkeit geprägt. In der Gesellschaft selbst haben Leser ebenfalls ein sehr hohes Ansehen. Generell gelten sie als bebildet (vgl. Runge, Gabriele 1997, S. 14, 17).

Die Wirkung des Lesens hängt vom Text und vom Leser selbst ab. In erster Linie sind der Inhalt und die Art der Textaussage entscheidend. Die Lesewirkung ist nachhaltiger, wenn die Verbindung zwischen Text und Leser enger ist, sowie wenn der Leser sich im Text wieder findet und den Text für seine Probleme oder Bedürfnisse nutzen kann. Die Verständlichkeit und Ausdrucksqualität des Textes sind bedeutend. Wenn sie emotionale Appelle enthalten, die beispielsweise Hoffnung hervorrufen oder Furcht einflößen, kann sich der Leser mit dem Inhalt des Textes identifizieren (vgl. Sahr, Michael 1981, S. 143ff).

Die Wirkung der Lektüre für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen ist jedoch nicht klar ersichtlich bzw. nachweisbar. Einerseits wird den Medien, insbesondere dem Lesen eine hohe Sozialisationsleistung quittiert. Andererseits wird die Wirkung sehr gering eingeschätzt, da Literatur nur indirekt präsent ist und im Vergleich mit den anderen Sozialisationsinstanzen nicht mithalten kann (vgl. ebd., S. 49).

Dennoch hat das Lesen im Vergleich eine positivere Wirkung bei Kindern und Jugendlichen als bei Erwachsenen. Sie sind in ihren Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen noch nicht entschieden geprägt und festgelegt. Gleichzeitig sind sie offener sowie aufnahmefähiger für Veränderungen. Die Wirkung erhöht sich zusätzlich durch das stärkere Interesse für viele Themen (vgl. ebd., S. 57ff).

Im Folgenden werde ich die Funktionen des Lesens näher betrachten. Aus ihnen kann man die Bedeutung des Lesens schlussfolgern.

Die unmittelbaren Funktionen des Lesens stellen die Information und die Unterhaltung dar. „Lesen in seiner Idealform wurde propagiert als kritisch- distanzierte Auseinander-

setzung mit ´anspruchsvollen`, ´niveauvollen` Texten, als gedankliche Leistung, die Anstrengung und Disziplin verlangt“ (Klimmt, Christoph; Vorderer, Peter 2004, S. 36). Dies definiert das Lesen zum Zwecke der Informationsgewinnung. Die Unterhaltung wurde lange Zeit in den Hintergrund gedrängt. Unterhaltende Literatur galt als nutzlos und Zeitverschwendung. Die Flucht in die Phantasie und damit die Abwendung von der Wirklichkeit wurde stark kritisiert. Erst durch die Verbreitung des Fernsehens trat die Unterhaltung durch Lektüre in den Vordergrund. Die Unterhaltung ist abhängig von den Gefühlen, Stimmungen und Gedanken, die die Lektüre vermitteln kann. Diese können die gute Stimmung des Lesers aufrechterhalten, oder die schlechte verbessern. Somit bietet die Unterhaltung Entspannung und Ruhe, oder auch Anspannung und Erregung (vgl. ebd., S. 36ff).

Das Lesen bietet zahlreiche Folgefunktionen auf personaler und sozialer Ebene. Die personale Ebene beinhaltet 11 Folgefunktionen. Erstens: Die primäre Fantasie-Entwicklung beschreibt die Decodierung des Textes und das Zuschreiben von Bedeutung und eigenen Vorstellungen des Lesers. Der Leser nimmt die Stellung einer Handlungscharaktere ein oder bleibt ein unbeteiligter Beobachter. Zweitens: Die Entwicklung von ästhetischer Sensibilität steht im engen Zusammenhang mit der Sprachlichen Differenziertheit. Die ästhetische Sensibilität ist die Fähigkeit, Symbole und metaphorische Ausdrucksweisen zu verstehen. Drittens: Die sprachliche Differenziertheit ermöglicht den Umgang der Sprache in mündlicher und schriftlicher Form, je nach Situation, Person und Fachsprache. Viertens: Die Stärkung von Empathie, beinhaltet das gleichartige Miterleben fremder Emotionen, insbesondere die Perspektivenübernahme und das emotionale „Einfühlen“ in die andere Person. Fünftens: Moralbewusstsein dient zum Verständnis um beispielsweise in Konfliktsituationen zu entscheiden, ob eine Handlung als moralisch oder unmoralisch zu bezeichnen ist. Sechstens: Die lebensthematische Identität ermöglicht dem Leser die Klärung eigener Probleme mithilfe gleicher, oder ähnlicher Situationen in der Lektüre. Siebentens: Die Anerkennung von Alterität ist das Verbinden fremder Wissensbestände mit der eigenen Identität. Diese Wissensbestände werden gleichzeitig bearbeitet und weiterentwickelt. Achtens: Die Kommunikation schließt direkt an die Unterhaltung und Information an. Sie dient der Partizipation, insbesondere durch kritisches Denken und Argumentation. Neuntens: Die Meinungsbildung ermöglicht vor allem die Teilhabe an politischen Aspekten der Gesellschaft. Die Zeitung bietet als wichtigstes Meinungsbildungsinstrument die Geschehnisse der ganzen Welt. Zehntens: Die Wissensvertiefung dient der Entwicklung von Kompetenzen. Diese sind instrumentelle und methodische, personale und soziale Kompetenzen sowie das inhaltliche Basiswissen. Das Wissen ist die Grundvoraussetzung für die Partizipation in der Gesellschaft. Elftens: Die Reflexion über mögliche Welten erweitert die Realität. Utopien sind Gegenbilder der Realität, Gedankenexperimente oder Idealvorstellungen einer scheinbar besseren Welt. Aber besonders Schwarze Utopien, die negative Ideale beschreiben, zwingen den Leser zur Reflexion der Wirklichkeit (vgl. Rupp, Gerhard; Heyer, Petra; Bonholt, Helge 2004, S. 85ff). An die Bedeutung des Lesens appelliert Ray Bradbury in Fahrenheit 451. In dieser Schwarzen Utopie werden in der Zukunft Bücher verbrannt, da sie verboten sind. Fahrenheit 451 sind 232° Celsius. Das ist die Temperatur, bei dem Bücherpapier Feuer fängt und verbrennt. Die Menschen haben in der Zukunft keine Identität, Individualität, Interessen und kein Wissen über die Vergangenheit. Das Fernsehen wird zur Familie. Der „negative“ Einfluss der Bücher muss in dieser Zeit verhindert werden. Sie könnten die Menschen über das „frühere“ Leben und die eigenständige Bedeutung der Bücher informieren (vgl. Bradbury, Ray 1981).

Auf der sozialen Ebene lassen sich zwei Folgefunktionen nennen.

Erstens: Die Entwicklung und Aufrechterhaltung vom kulturellen Gedächtnis ermöglicht das Weitergeben des Wissens von einer Generation zur nächsten. In Bibliotheken, Archiven und wiederholten Erzählungen werden Wissensbestände konserviert. Zweitens: Die Kenntnis vom sozialen Wandel beschreibt die Veränderung in der Struktur eines sozialen Systems. Voraussetzungen dafür sind ein entsprechender Wissensaufbau und die Leseleistung (vgl. Rupp, Gerhard; Heyer, Petra; Bonholt, Helge 2004, S. 85ff).

Schlussfolgernd kann man erkennen, dass das Lesen durch zahlreiche Funktionen von Bedeutung ist. Durch Lesen kann man u. a. sein Wissen aufbauen, Informationen für Schule, Studium sowie Beruf sammeln, soziale Kompetenzen entwickeln, kognitive Strukturen erweitern und seine Interessen stillen. Es ermöglicht uns Entspannung und Regeneration. Lesen ist unermesslich für die eigene Individualität und Identität. Es ermöglicht uns außerdem die Partizipation in der Gesellschaft.

3. Die Sozialisation und Lesen

Nachdem bereits das Lesen ausführlich erläutert wurde, halte ich es für nötig, kurz einen Überblick zur Sozialisation zu geben. Nachdem ich den Sozialisationsbegriff näher erläutert habe, werde ich die Sozialisationsphasen und –instanzen in Verbindung des Lesens schildern. Danach folgt ein kurzer Überblick über die Lesesozialisation im historischen Wandel.

Erstmals wurde der Sozialisationsbegriff von dem französischen Soziologen Emil Durkheim im Jahre 1922 verwendet (vgl. Gudjons, Herbert 2003, S. 149). Seit den 60er Jahren gibt es weitere Erläuterungen zur Sozialisation. Klaus Hurrelmann fasst die Aspekte der Definitionen wie folgt zusammen:

Sozialisation bezeichnet […] den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt. Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundmerkmalen, die für den Menschen die „innere Realität“ bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den Menschen die „äußere Realität“ bilden (Hurrelmann, Klaus 2002, S. 15/16.; Auslassung: T.M.).

Diese Definition beschreibt die Sozialisation als lebenslangen Prozess, indem abhängig von den natürlichen Anlagen und dem Einfluss von außen, die Persönlichkeit entsteht und sich weiterentwickelt (vgl. Hurrelmann, Klaus 2002, S. 11ff).

Besondere Bedeutung wird der Sozialisation in der Kindheit bescheinigt. In dieser frühen Lebensphase würde der Mensch ohne Sozialisation kein soziales Wesen werden können. Für ein soziales Wesen sind neben der physischen Pflege auch sensorische und soziale Anregungen von Bedeutung (vgl. Joas, Hans 2001, S. 127).

3.1 Die Sozialisationsphasen

Die Sozialisation zum Lesen ist ein Prozess, der hauptsächlich in der Kindheit und Jugendphase realisiert wird. Um den Zeitraum näher beschreiben zu können, greife ich auf die Sozialisationsphasen im Leben eines Menschen zurück. Zwischen drei Phasen der Sozialisation kann unterschieden werden. Die primäre Phase umfasst die ersten drei Lebensjahre eines Kindes. In dieser Zeit entwickeln sie die ersten Persönlichkeitsmerkmale und lernen grundlegende Fähigkeiten (vgl. Mogge- Grotjahn, Hildegart 1996, S. 112-115). Bereits ab dem sechsten Lebensmonat ist das Kind in der Lage nach Büchern zu greifen und sie mit dem Mund zu „lesen“. Obwohl sich die Bücher für dieses Kindesalter noch als Spielzeug darstellen, ist das frühe Heranführen an Büchern von Vorteil für die weitere Entwicklung der Lesesozialisation. Im zweiten und dritten Lebensjahr sind das gezielte Betrachten von Bilderbüchern und das Zuhören von Geschichtenerzählungen bereits möglich (vgl. Mähler, Bettina 2003, S. 136ff). Die sekundäre Sozialisation erweitert und ergänzt die vorherige Phase. Die emotionalen, kognitiven, sozialen, motorischen und weitere Fähigkeiten und Fertigkeiten werden ausgedehnt. (vgl. Mogge- Grotjahn, Hildegart 1996, S. 112-115). Dies bedeutet für die Lesesozialisation, dass es ab dem vierten Lebensjahr bereits Zusammenhänge und Abläufe von längeren Handlungen begreifen und Interessen für bestimmte Themen herausbilden kann. Ab dem Schuleintritt steht das Lesenlernen im Vordergrund (vgl. Mähler, Bettina 2003, S. 136ff). Die tertiäre Sozialisation findet während des gesamten Erwachsenenalters bis zum Tode des Menschen statt (vgl. Mogge- Grotjahn, Hildegart 1996, S. 112-115).

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Lesesozialisation nicht erst in der sekundären Sozialisationsphase und dem Schuleintritt, sondern bereits wenige Monate nach der Geburt beginnt und somit den späteren Umgang mit dem geschriebenen Wort fördert.

Im Weiteren gehe ich nur auf die primäre und sekundäre Sozialisation, im Bezug auf die Lesesozialisation von Kindern und Jugendlichen, ein.

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